Bibliotheken
Kathedralen der Gelehrsamkeit sind auferstanden
Neben Archiven sind Bibliotheken die wichtigsten Arbeitsplätze von Historikern. Seit auch in Deutschland wieder spektakuläre Lesesäle entstehen, ist das eindrucksvoller denn je.
Sie sind eine Welt für sich – und bilden zugleich die Welt ab. In vielen Großstädten liegen renommierte Bibliotheken, deren Lesesäle wahre Kathedralen der Gelehrsamkeit sind, in denen dem Weltwissen gehuldigt wird. Wo anders als in einem solchen Lesesaal wohl hätte Karl Marx sein inhaltlich gewiss umstrittenes, intellektuell aber zweifelsohne herausragendes Hauptwerk "Das Kapital" schreiben können? Aus politischen Gründen war es die Bibliothek des British Museum, die Keimzelle der British Library, in der die vermutlich folgenreichste Schrift der Philosophie entstanden ist. Ähnlich eindrucksvolle Lesesäle aber gab andernorts ebenso.
Seit Marx' Zeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben neue Techniken das Leben weitgehend verändert und immer weiter beschleunigt. Man mag das begrüßen oder bedauern: Es bleibt eine Tatsache. Der Lesesaal als Institution jedoch hat überlebt, auch weil er sich schrittweise an die neuen Erfordernisse angepasst hat.
An die Stelle opulenten Bauschmucks trat, jedenfalls in vielen kriegszerstörten Städten Europas, die Nüchternheit der neuen Sachlichkeit. Andernorts, in der Library of Congress in Washington D.C. oder der New York Public Library etwa, wurden zusätzliche Nutzerplätze in schlichten Räumen geschaffen, die sich radikal von der erhaltenen und weiterhin zugänglichen Pracht der Hauptlesesäle unterscheiden. Man kann auch dort arbeiten.
Die in jüngerer Zeit eröffneten Lesesäle kehren auf moderne Weise zurück zum Ideal eines Tempels des Wissens. Die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden etwa inszeniert in ihren zentralen Raum die Erleuchtung von oben geradezu, und im Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin stapeln sich Leseinseln wie weiland die hängenden Gärten der Semiramis in Babylon.
Ein besonderes Schmuckstück ist der neue Hauptlesesaal im Haus Unter den Linden der Staatsbibliothek zu Berlin. Helles Holz, orange Teppichböden und viel Weiß geben ihm eine verspielte Note, die sich meilenweit abhebt vom dem Vorgängerbau, dem achteckigen Saal unter der zentralen Kuppel von Ernst von Ihnes neobarockem Prachtbau. Der Architekt HG Merz, der schon die Nationalgalerie auf der Museumsinsel sensibel modernisiert hatte, hat den Brückenschlag von Geschichte und Gegenwart gewagt - und bewältigt.
Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Fertigstellung ist jetzt bereits der erste Bildband erschienen, der den neuen zentralen Lesesaal völlig zu Recht feiert. Der Fotograf Jörg F. Müller fängt auf seinen Bildern den besonderen Charme dieses Raumtyps ein, der bei einigen wiederaufgebauten oder neu entworfenen Großbibliotheken der vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund gerückt war. So schuf Hans Scharoun in seiner Staatsbibliothek zu Berlin an der Potsdamer Straße eine ästhetisch ansprechende, abwechslungsreiche Landschaft von Leseebenen - doch sie erwies sich als viel zu klein: Inzwischen mussten mehrere der großzügigen Wandelhallen und Foyers für Bibliothekszwecke umgenutzt werden.
Verglaste Nüchternheit
Für seine im Wortsinne glasklare Architektur ausgezeichnet ist der Anbau der Bayerischen Staatsbibliothek in München, geschaffen 1966 von Sepp Ruf. Arbeiten kann man in dem lang hingestreckten Kubus recht gut - aber Erhabenheit versprüht der nüchterne Saal nicht. Ganz anders der ebenfalls hochmoderne Lesesaal der Dresdner Landes- und Universitätsbibliothek: Ebenfalls rechteckig und lang gestreckt, aber mit einem hellen Glasdach versehen.
Bei allen Wandlungen im Laufe der Zeit hat der Lesesaal sein Prinzip, platonisch gesagt: seine Idee bewahrt: Er führt an einem einzigen Platz die ganze Welt zusammen – meistens in Form des gedruckten Wortes und Bildes, also in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen. Hinzu kommen Mikrofilme, Handschriften und Karten. In manchen Lesesälen gibt es sogar Kopfhörer, um Tondokumente zu hören. Nur nach größeren Videobeständen sucht man heute fast immer noch vergeblich. Vielleicht ändert sich das bald.
Bis vor etwa zwei Jahrzehnten war das Prinzip des Lesesaals konkurrenzlos; auch der Siegeszug von Radio und Fernsehen hatte es nicht nachhaltig erschüttern können. Denn nirgends war so konzentriert so viel Wissen über so viele unterschiedliche Themen zu finden wie in den Lesesälen großer Bibliotheken. Doch dann setzte sich das Internet durch. Seither kann man sich die ganze Welt auf den heimischen Bildschirm holen, nach wie vor meist in Form von Texten und Fotos, doch zunehmend und im Gegensatz zum Lesesaal auch als bewegte Bilder. Tritt nun die virtuelle und gerade deshalb überall verfügbare Welt an die Stelle der Welt in einem Raum, eben des Lesesaals?
Das Prinzip Lesesaal
Kulturpessimisten erwarten das, und doch spricht wenig dafür. Denn in der konkreten Welt des Lesesaals gab es schon immer, bei aller Informationsfülle, eine Qualitätskontrolle. Nur was ausgebildete Bibliothekare zuließen, fand in den Regalen Platz. Das hat nichts mit Zensur zu tun, wie jeder unvoreingenommene Nutzer weiß. Solche Leitplanken aber fehlen im Chaos des Internets. Mindestens neun Zehntel der hier verbreiteten Informationen bestehen aus Werbung, überschreiten nicht das Niveau durchschnittlicher Stammtische oder sind aus anderen Gründen nutzlos. Welch Unterschied zu professionell organisierten Lesesälen!
Zumal, wenn die Zeichen der Zeit aufgegriffen werden. Längst spielen Datenbanken eine zentrale Rolle für Bibliotheksnutzer; Zettelkataloge dagegen haben heute schon beinahe Exotenstatus. Unerreichbar wird aber vor allem die besondere Atmosphäre des Lesesaals bleiben. Die Stimmung konzentrierten Wissenserwerbs und vor allem der Wissenserweiterung. Mit dem neuen Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden ist, wie man mit eigenen Augen, aber auch und besonders eindrucksvoll in Jörg F. Müllers Fotos sehen kann, ein Tempel des Intellekts auferstanden.
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Antonia Kleikamp in Die Welt
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vrijdag 19 juli 2013
[NEDBIB-L] Kathedralen der Gelehrsamkeit sind auferstanden
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7/19/2013 09:12:00 a.m.
